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»Handweber im 20. Jahrhundert«
Von der Arbeit und der mundartlichen Fachsprache der Handweber in NO-Oberfranken, West-Böhmen und im Sächs. Vogtland.

Auf eigener Forschung basierender Vortrag mit Fotos, Arbeitsgerät und Textilien

Ganz entgegen des landläufigen Bildes war die Arbeit des Handwebers ganz und gar nicht monoton und anspruchslos. Vielmehr war die Handweberei ein hochkomplexes Handwerk, das zu beherrschen jahrelange Praxis erforderte. Geschildert wird, wieviel Vorarbeiten nötig waren, bevor der erste Zentimeter überhaupt gewebt werden konnte. Und dass es der Mitarbeit der gesamten Familie bedurfte. Vorgestellt werden ausserdem die regionalen Unterschieden in der Technik und im mundartlichen Fachwortschatz.

Der persönliche Bezug
In den 1990er Jahren war ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Forschungsprojekt der Universität Bayreuth beschäftigt: dem Sprachatlas für NO-Bayern (SNOB). Ich hatte den Auftrag, die Dialekte zwischen Gefrees und Thüringen, zwischen Martkleuthen und Marktleugast zu erheben. Einer der Schwerpunkte dieses Sprachatlasses ist es, die Fachausdrücke aus der alten Landwirtschaft festzuhalten, also etwa die hartmelkende Kuh, das Heuen, die Biestmilch, das Erdäpfelbeet, den Heu- oder Leiterwagen mit all seinen Teilen (Wiesbaum, Kipfe, Schwinge, Langwiede usw.) bis hin zum Kultivator.
   Damals erinnerte ich mich daran, was ich in meiner Schulzeit in Sparneck gelernt hatte: wie wichtig einst die Handweberei für die gesamte Region war. Tatsächlich lag diese viel weiter zurück als jene Landwirtschaft vor Einführung des Traktors. Es war also noch viel dringender die Fachsprache der Handweber festzuhalten.
    So befragte ich in den 1990er Jahren etwa 80 Personen aus 50 Ortschaften – vorallem im Frankenwald, aber auch im bayerischen Vogtland, im Fichtelgebirge, im sächs. Vogtland, in Roßbach sowie mehrere Informanten, die aus dem westlichen Böhmen stammten.

Die Vor- und Parallelarbeiten
oder
Der Zyklus der Arbeitsschritte

Hatte der Weber vom Fabrikanten das Garn in Strängen geholt, musste er anhand der mitgelieferten Webaufgabe, dem Muster oder Musterzettel berechnen [Kopfarbeit], wieviel Spulen er von jeder Farbe brauchte, wie lang er die Kette (den Zettel) anlegen musste, um am Ende auf die geforderte Länge der fertigen Ware zu kommen. Hierzu gehörte nicht nur die Fähigkeit, gut rechnen zu können, sondern auch Erfahrung. Sodann musste das Garn für die Kette am Spulrad auf eben jene Spulen aufgespult werden. Dann kam das Schweifen oder Zetteln, also das Herstellen der Kette oder des Zettels, wie die Längsfäden des Gewebes im süddeutschen Sprachraum genannt werden. Dieser Zettel musste auf den Webstuhl gebracht werden, wozu drei Mann notwendig waren. Aufbäumen wurde dieser Schritt genannt. Dann kam das Einziehen, das Blattstechen oder aber das Andrehen und das Anweben – Arbeitschritte, die alle nochmals unterteilt waren. Das Weben selbst konnte einfach sein oder hoch kompliziert und höchste Konzentration erfordern. Eine Besonderheit hierzulande war das Wechseln, also das Austauschen der Schützen (Webschiffchen) mit den verschiedenfarbigen Schußfäden während des Webens. Am Ende stand das Liefern der fertigen Ware zum Fabrikanten, wo er wieder Garn für einen neuen Auftrag erhielt.

Bedingungen
Von grosser Bedeutung ist auch die Frage, unter welchen Bedingungen die Handweberei überhaupt möglich war. Schliesslich musste mindestens ein Familienmitglied bereit sein, unentgeltlich mitzuarbeiten. Manche Vorarbeiten erforderten zwei bis drei Personen und auch manche Webarten machten es nötig, dass eine zweite Person (oft das grössere Kind) mit am Webstuhl sass und mitwebte – z.B. beim sogenannten Schützenfangen bzw. dem 1-und-1-Weben oder dem Broschieren. An jedem Arbeitstag musste jemand da sein – meistens war dies die Ehefrau –, um die Schußspulen zu spulen, was als schbilla machen bezeichnet wird.
Zu den menschlichen Bedingungen gehört auch das Verhältnis zu den Bauern. Denn ohne das aedunga genannte Verhältnis gegenseitiger Hilfe von kleinen Leuten und Bauern hätten beispielsweise die gaasbauern (Ziegenbauern) nicht existieren können. Anders als in anderen Gegenden hatten die Weber und Bauern ein gutes Verhältnis. Jeder Bauer hatte seine miisdlaed (Mistleute), für die er den Mist auf die Erdäpfelbeete fuhr und andere Fuhrarbeiten übernahm, wofür die kleinen Leute wiederum dem Bauern bei der Ernte helfen mussten.
Zu beobachten war in den letzten Jahrzehnten der Handweberei, dass Handweber sozial aufstiegen, dass aus ihnen ... – oder besser: dass sie zusätzlich Kleinbauern wurden, die statt der sprichwörtlichen Weberskuh, also der Ziege, eine richtige Kuh hatten. Für die landwirtschaftlichen Fuhrarbeiten konnten sich je zwei zusammenschliessen. Nicht selten war der Besitz von zwei Kühen und einer Kalbin. Für jedes Tier musste auch der entsprechende Landbesitz vorhanden sein. In der untersuchten Phase der Handweberei wohnten die Handweber fast ausschliesslich im eigenen Haus.

Festhalten am Handweberberuf
Wichtig ist auch die Frage, warum die Handweber so lange an ihrem Beruf festgehalten haben, obwohl er so schlecht bezahlt war. Hierfür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Unter anderem dauerte es Jahrzehnte, bis die Maschinen das konnten, was der Mensch konnte. Vieles übernahmen sie, viel Webarten starben einfach aus. Für den Unternehmer waren die Handweber stets ein Arbeitsheer, auf das er in guten Zeiten zurückgreifen konnte. Stockte der Umsatz, hatte er eben keine Aufträge mehr zu vergeben, aber eben auch keinen finanziellen Verlust, wie jene Fabrikanten, die festangestellte Arbeiter beschäftigten. Auch konnte der Unternehmer dem Handweber Garn geben, das so miserabel war, dass man es auf einer Maschine nicht verweben konnte. Damit musste sich der Handweber herumschlagen. Aber auch ganz kostbare Garne waren nichts für die Maschinen. Beispielsweise mit Kaschmir zu weben, erfüllte den Weber mit Stolz. Grund zum Stolz hatte er aber auch aus anderen Gründen. Es ist nicht jener einfache, einem bestimmten Beruf anzugehören. Sondern auf Grund von Erfahrung in der Lage zu sein, immer wieder knifflige Situationen zu meistern, gaben ihm ein hohes Selbstwertgefühl. Wegen dieser Kompetenzen waren dann in den mechanischen Webereien die Handweber gern gesehene Arbeiter.

Geschichte der Handweberei seit den 1920er Jahren
Die letzten Monographien über die Handweberei im hiesigen Gebiet erschienen in den 1920er Jahren. Wie es seitdem weiterging, ist ebenfalls Thema dieses Vortrages. Dabei gab es unterschiedliche Entwicklungen in Oberfranken, in Westböhmen und später in der DDR.
Nazi-Zeit in Oberfranken: durch den 4-Jahresplan und die Kontingentierung der Rohstoffe sowie dem Zwang, das ganze Jahr über gleichmässig viel (auf Lager) zu produzieren, weil sonst der Fabrikant keine Zuteilung mehr bekommen hätte, gab es keine saisonale Arbeitslosigkeit (in der Wollweberei von Weihnachten bis Ostern) mehr.
Nazi-Zeit in W-Böhmen: durch die Abschottung der deutschen Wirtschaft und dem Ziel, alles im Inland zu produzieren, fehlen die Aufträge aus dem Deutschen Reich bis zum Anschluss des Sudetenlandes 1938. Erst dann gab es dort wieder Aufträge.
In beiden Fällen werden von vielen die vermeintlichen Verbesserungen als Vorteile des Nationalsozialismus missverstanden.
   Während des Krieges waren nicht nur die meisten Handweber als Soldaten im Feld, sondern auch die Textilproduktion ging mehr und mehr zurück – bis hin zur gänzlichen Umstellung der mechanischen Weberei auf Rüstungsindustrie. Viele Frauen und ältere Männer webten – allerdings zunehmend mit minderwertigem aus Reißwolle gewonnenem Garn wie dem sogen. munggo oder vichund – oder mit Kunstseide und schliesslich mit Ersatzstoffen (aus Papier).
Nachkriegszeit in Oberfranken: Kriegsheimkehrer und viele junge Menschen wählten den Handweberberuf, da die (eben auf Rüstung umgestellten) Webereien erst wieder aufgebaut werden müssen. Ausserdem sind die weggeräumten und vorher schon lange Zeit nicht in Stand gehaltenen Webmaschinen kaum noch zu gebrauchen. Allmählich kauften sich die Handweber mechanische Webstühle und wurden Lohnweber. Nur noch wenige, vor allem ältere Menschen, webten weiterhin mit der Hand. Spätestens seit den frühen 70er Jahren spielten die handgewebten Decken und Schals für die Gesamtproduktion der Fabrikanten keine Rolle mehr.
Nachkriegszeit in der Roßbacher Gegend: Die nicht ausgewiesenen Handweber wurden mit noch vorhandenen Garnen beschäftigt bzw. mit Restposten aus der mechanischen Weberei in den Kombinaten.
Nachkriegszeit in der DDR: hier bestand die Handweberei am längsten fort.  Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGHs) vergaben Aufträge bis in die 1980 Jahre. Es gab aber auch selbständige Familienbetriebe. Dadurch, dass man wenig kaufen konnte, war allgemein reichlich Geld vorhanden. Die wenigen Konsumgüter hatten einen hohen Wert. Die Zahl der etwa 50 Handwebmeister der DDR schrumpft nach der Grenzöffnung auf nur wenige zusammen, die sich mit Kunstgewerbe und zusätzlichem Handel versuchten, über Wasser zu halten. Das totale Aus kam von einem Tag auf den anderen mit der Einführung der D-Mark. Aufträge wurden storniert, neue nicht mehr erteilt.


Presseberichte
Die lokale Presse berichtete schon mehrmals über den Vortrag:

Rehau,  Nov. 2000
Sparneck, Mai 2001
Münchberg, Okt..2007




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